Vier Orte, eine Botschaft: Hier sind wir für dich da. Noch.

Bei der Kreidesprühaktion der Liga Sachsen haben wir vier AWO-Einrichtungen in Dresden besucht. Die Gespräche vor Ort zeigen: Soziale Infrastruktur ist weit mehr als ein Haushaltsposten.

Eingang des AWO-Familienzentrums Altpieschen mit der Kreidebotschaft ‚Hier sind wir für dich da. Noch.‘ auf dem Boden.“

Bei der Kreidesprühaktion der Liga Sachsen haben wir vier AWO-Einrichtungen in Dresden besucht. Die Gespräche vor Ort zeigen: Soziale Infrastruktur ist weit mehr als ein Haushaltsposten. Sie gibt Menschen Halt, schafft Zugänge zu Hilfe und verhindert, dass aus Sorgen existenzielle Krisen werden. Damit das so bleibt, braucht es eine Finanzierung, die nicht nur Angebote verspricht, sondern ihre Arbeit vor Ort tatsächlich ermöglicht.

„Hier sind wir für dich da. Noch.“ Dieser Satz stand nach unserer Kreidesprühaktion vor verschiedenen AWO-Angeboten in Dresden. Überall wurde dieselbe Schablone verwendet. Doch das „Noch.“ hat an jedem dieser Orte eine etwas andere Bedeutung.

Es steht nicht überall für eine unmittelbar drohende Schließung. Manchmal warnt es vor einer Finanzierung, die aus mehreren unsicheren Säulen besteht. Manchmal beschreibt es Angebote, die bereits heute an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Und manchmal erinnert es daran, dass ein leichter Aufwuchs im Haushaltsentwurf noch lange nicht garantiert, dass das Geld auch bei den Menschen vor Ort ankommt.

Gemeinsam ist allen Einrichtungen: Sie sind da, bevor eine Krise eskaliert. Sie hören zu, geben Orientierung, sichern Existenzen, ermöglichen Begegnung und vermitteln weiter. Und helfen so, Schlimmeres zu verhindern.

Pflichtaufgabe bedeutet nicht Vollfinanzierung

In der AWO-Schwangerschaftsberatungsstelle Dresden-Striesen sieht der aktuelle sächsische Haushaltsentwurf zunächst vergleichsweise positiv aus: Für die Schwangerschaftsberatung ist ein leichter Mittelaufwuchs vorgesehen. Das ist ein wichtiges Signal und zeigt, dass die Bedeutung dieses Angebots grundsätzlich anerkannt wird.

Der Blick in die Praxis macht jedoch deutlich, dass eine gesetzlich vorgeschriebene Leistung nicht automatisch vollständig finanziert ist. Die Landesförderung allein deckt die tatsächlichen Kosten der Beratungsstelle nicht. Damit das Angebot bestehen kann, braucht es zusätzlich Mittel der Stadt Dresden und eigene Einnahmen der Einrichtung. Fällt eine dieser Finanzierungssäulen weg, kann die gesamte Beratungsstelle ins Wanken geraten.

Dabei geht es um weit mehr als die gesetzlich vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatung. Die Mitarbeiterinnen beraten Schwangere und Familien zu sozialen und finanziellen Hilfen, helfen bei der Orientierung im Behördendschungel und begleiten Menschen in schwierigen Lebenslagen. Über Angebote des Familienzentrums, beispielsweise PEKiP-Kurse, entstehen niedrigschwellige Kontakte zu Familien, aus denen sich weitere Beratung und Unterstützung entwickeln können.

Auch neue Aufgaben kommen hinzu, etwa die Beratung und Bereitschaft rund um die vertrauliche Geburt. Mehr Aufgaben bedeuten jedoch nicht automatisch mehr Geld.

Das „Noch.“ steht hier deshalb für eine Gesamtfinanzierung, die langfristig verlässlich und kostendeckend ausgestaltet werden muss. Der geplante Aufwuchs der Landesmittel ist richtig. Allein reicht er aber nicht, um das Angebot dauerhaft abzusichern.

Schon heute an der Belastungsgrenze

In der AWO-Schuldner- und Insolvenzberatung Dresden-Pieschen zeigt sich das „Noch.“ auf andere Weise. Die Beratungsstelle ist für Menschen in finanziellen Krisen da – arbeitet aber bereits heute an ihrer Belastungsgrenze.

Auf ein erstes Gespräch warten Ratsuchende derzeit etwa zwei bis vier Wochen. Bis zu einem notwendigen Folgetermin können acht Wochen, teilweise fast drei Monate vergehen. Gleichzeitig werden die Fälle komplexer. Häufig sind mehrere Gespräche und längere Vorbereitungszeiten erforderlich, bevor beispielsweise ein Insolvenzverfahren eingeleitet werden kann.

Der sächsische Haushaltsentwurf sieht für die landesgeförderte Verbraucherinsolvenzberatung in den Jahren 2027 und 2028 weiterhin jeweils 4,5 Millionen Euro vor. Gegenüber 2026 gibt es damit keinen finanziellen Aufwuchs. Angesichts steigender Personal- und Sachkosten ist ein gleichbleibender Ansatz jedoch keine Garantie dafür, dass die bisherigen Beratungskapazitäten erhalten bleiben.

Weitere Einsparungen oder eine Finanzierung, die die Kostenentwicklung nicht berücksichtigt, würden die Situation unmittelbar verschärfen: durch längere Wartezeiten, mögliche Wartelisten und weniger erreichbare Hilfe.

Dabei ist frühe Unterstützung gerade bei Schulden entscheidend. Wer rechtzeitig Beratung erhält, kann verhindern, dass weitere Kosten entstehen, die Wohnung gefährdet wird oder sich eine finanzielle Notlage zu einer existenziellen Krise entwickelt. Deshalb muss die Beratung weiterhin wohnortnah, kostenfrei und für alle Dresdner:innen erreichbar bleiben, unabhängig davon, ob sie bestimmte Sozialleistungen beziehen.

Krisen kommen selten allein

Besonders deutlich wurde die Bedeutung vernetzter und wohnortnaher Hilfen im AWO-Beratungszentrum Dresden-Prohlis. Dort sind die Schuldner- und Insolvenzberatung, die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte und die Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle KOBS an einem Standort für Menschen da.

Drei unterschiedliche Angebote und doch lassen sich die Lebenslagen der Ratsuchenden nicht immer sauber voneinander trennen.

Schulden können zu einer erheblichen psychischen Belastung werden. Eine seelische Krise kann wiederum dazu führen, dass Rechnungen, Anträge oder Behördenpost nicht mehr bewältigt werden. Zugewanderte Menschen benötigen neben sprachlicher Orientierung häufig Unterstützung bei der Wohnungssuche, beim Lebensunterhalt oder im Kontakt mit Behörden und anderen Diensten.

Nach Einschätzung der Schuldnerberatung hat sich die Zahl der beratenen Menschen innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt. Auf einen festen Termin müssen Ratsuchende inzwischen zwei bis drei Monate warten. Häufig geht es zunächst noch gar nicht um die langfristige Entschuldung, sondern um die Sicherung des unmittelbaren Lebensalltags: Bleibt die Wohnung erhalten? Wird die Energie nicht abgestellt? Ist das Geld auf dem Konto vor einer Pfändung geschützt?

Die KOBS zeigt zugleich, warum verlässliche menschliche Nähe nicht durch einen einmaligen Termin ersetzt werden kann. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen leben allein oder sind sozial isoliert. Sie brauchen erreichbare Ansprechpartnerinnen, regelmäßige Begegnung und Begleitung. Für sie kann die Beratungsstelle ein wichtiger Anker im Alltag sein.

In der Migrationsberatung wiederum wird deutlich, dass eine Weitervermittlung an reguläre Behörden und Dienste nur dann funktioniert, wenn diese für die Menschen tatsächlich zugänglich und verständlich sind.

Die drei Angebote werden aus unterschiedlichen Fördertöpfen und von verschiedenen politischen Ebenen finanziert. Für die Ratsuchenden ist jedoch nicht entscheidend, ob Bund, Freistaat oder Kommune zuständig sind. Für sie zählt, dass jemand erreichbar ist, zuhört und gemeinsam mit ihnen einen Weg aus der Krise sucht.

Krisen kommen selten allein. Hilfe darf es deshalb auch nicht.

Manchmal beginnt Hilfe in einer Krabbelgruppe

Das AWO Familienzentrum Altpieschen zeigt, wie früh und niedrigschwellig Unterstützung beginnen kann. Es ist weit mehr als ein Ort für Kurse und gemeinsame Freizeit. Hier treffen Eltern andere Eltern, Kinder finden Spielgefährten und Familien erhalten Unterstützung, bevor aus einer Sorge eine Krise wird.

In Krabbelgruppen, beim Eltern-Kind-Sport, bei Musik und Bewegung, im Papa-Café oder beim gemeinsamen Abendessen für Alleinerziehende entstehen Begegnung und Vertrauen. Oft ergibt sich daraus ganz nebenbei ein erstes Gespräch: über Erziehungsfragen, eine schwierige Trennung, Ängste eines Kindes, Belastungen nach einer Geburt oder die Frage, wie Elterngeld und andere Leistungen beantragt werden können.

Gerade diese Verbindung aus offenen Angeboten, Familienbildung und persönlicher Beratung ist die besondere Stärke des Zentrums. Familien müssen nicht erst warten, bis sich Probleme verfestigt haben. Sie finden wohnortnah Menschen, die zuhören, Orientierung geben und bei Bedarf an eine passende Fachstelle weitervermitteln.

Doch das soziale Netz im Stadtteil wird dünner. Wenn andere Einrichtungen Angebote reduzieren oder spezialisierte Beratungsstellen lange Wartezeiten haben, landen zusätzliche Anfragen im Familienzentrum. Das Team kann diese Entwicklung jedoch nicht unbegrenzt auffangen. Mehr Einzelberatungen bedeuten weniger Zeit für Gruppenangebote. Fallen Gruppen weg, verschwindet zugleich ein wichtiger Zugang zu Familien, die über eine klassische Beratungsstelle möglicherweise gar nicht erreicht würden.

Die Mitarbeitenden machen deshalb deutlich: Die bestehenden zwei Vollzeitstellen müssen erhalten bleiben. Schon der Wegfall einer halben Stelle hätte spürbare Folgen – weniger Gruppen, weniger Beratungszeit und weniger erreichbare Unterstützung für Familien in Pieschen und den angrenzenden Stadtteilen.

Der sächsische Haushaltsentwurf sieht für die Jugendpauschale 2027 und 2028 jeweils 16 Millionen Euro vor und damit eine Million Euro mehr als 2026. Aus diesen Mitteln kann auch örtliche Familienbildung unterstützt werden. Das ist grundsätzlich ein gutes Signal. Die Mittel sind jedoch nicht fest für einzelne Einrichtungen reserviert. Entscheidend ist deshalb, dass der Aufwuchs tatsächlich bei den Angeboten vor Ort ankommt und die notwendige kommunale Finanzierung gesichert wird.

Denn wenn ein Familienzentrum Angebote reduzieren oder ganz aufgeben müsste, verschwindet nicht einfach nur ein Kurs aus dem Wochenplan. Dann verliert möglicherweise eine junge Mutter ihren einzigen regelmäßigen Kontakt außerhalb der eigenen Wohnung. Ein alleinerziehender Vater verliert einen Ort für Austausch und Unterstützung. Ein Kind verliert Raum für Bewegung, Spiel und Begegnung. Familiäre Probleme werden vielleicht erst dann sichtbar, wenn sie bereits deutlich größer geworden sind.

Soziale Infrastruktur darf nicht schleichend verschwinden

Die vier Besuche zeigen, wie unterschiedlich die finanzielle Situation sozialer Angebote sein kann. Bei der Schwangerschaftsberatung gibt es im Haushaltsentwurf einen leichten Aufwuchs, der jedoch nur einen Teil der Gesamtfinanzierung betrifft. Die Mittel für die Verbraucherinsolvenzberatung bleiben nominell unverändert, obwohl Kosten und Arbeitsbelastung steigen. Bei der Jugendpauschale ist mehr Geld vorgesehen, aber noch nicht sichergestellt, dass der Aufwuchs tatsächlich die Angebote der Familienbildung vor Ort erreicht.

Die gemeinsame Gefahr ist deshalb nicht nur eine öffentlich angekündigte Schließung. Soziale Infrastruktur kann auch schleichend verloren gehen: durch nicht wiederbesetzte Stellen, reduzierte Öffnungszeiten, weniger Gruppenangebote, längere Wartelisten oder eine Einschränkung des Personenkreises, der beraten werden kann.

Politik muss deshalb vorhandene Stellen und wohnortnahe Standorte verlässlich sichern. Tarifsteigerungen und höhere Sachkosten müssen in der Finanzierung berücksichtigt werden. Einrichtungen brauchen Planungssicherheit über einzelne Haushaltsjahre hinaus. Und dort, wo Bund, Freistaat und Kommune gemeinsam Verantwortung tragen, dürfen Zuständigkeitsgrenzen nicht dazu führen, dass am Ende niemand die tatsächlichen Kosten übernimmt.

Frühe Hilfe stabilisiert Menschen und Familien. Sie kann verhindern, dass Schulden wachsen, Wohnungen verloren gehen, psychische Krisen sich verschärfen oder familiäre Konflikte eskalieren. Damit schützt sie nicht nur die Ratsuchenden, sondern vermeidet auch spätere und deutlich höhere gesellschaftliche Folgekosten.

Genau dafür steht die Kampagne „Wirtschaft wächst mit Wohlfahrt“: Soziale Angebote sind kein verzichtbares Extra. Sie gehören zur Infrastruktur einer starken Gesellschaft.

Damit wir auch morgen ohne das „Noch.“ sagen können: Hier sind wir für dich da.

Mehr Infos zur aktuellen Liga-Kampagne zu den sächsischen Haushaltsverhandlungen

Weitere Beiträge, die Sie interessieren könnten