»Wir brauchen diese Menschen, die den Dienst am Menschen verrichten«.

In der aktuellen meeting-Ausgabe spricht der ehemalige Bundestagsabgeordnete Thomas Jurk über seine Zeit in Berlin und die Zusammenarbeit mit der AWO

Ilko Keßler im Gespräch mit Thomas Jurk

Thomas Jurk, ursprünglich Rundfunkmechaniker, wurde am 14. Oktober 1990 für die SPD in den Sächsischen Landtag gewählt. Es folgten intensive Jahre für den damals erst 28-jährigen Jurk in verschiedenen Positionen der Landes- und Bundespolitik. Auch bei der AWO ist er seit 1990 engagiert.

Lieber Thomas, was war damals in deiner Zeit als Kreisvorsitzender der AWO in Weißwasser ein prägendes Erlebnis, was hat dich berührt und beschäftigt?
Es gab damals schon die Übertragung der Aufgaben von öffentlichen auf freie Träger, zum Beispiel Kitas. Das waren ja alles Dinge, die man so nicht kannte, das heißt, man musste auch in der Bevölkerung Vertrauen schaffen. Wir waren in vielen Bereichen tätig, auch mit schwieriger Klientel, welches durch die Wendezeit bedingt ins Abseits gerutscht war. Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) war ein wichtiges Thema, wir haben uns auch um Themen wie Suchtberatung gekümmert. Das hat nicht immer zum Erfolg geführt, und ich hatte immer den Eindruck, die AWO müsste sich gegenüber anderen Wohlfahrtsverbänden behaupten. Wettbewerb wäre der falsche Begriff dafür gewesen, aber natürlich war ein CDU dominiertes Sachsen eher auf andere Träger zugeschnitten als auf die Arbeiterwohlfahrt. Ich mache das an einem einfachen Beispiel deutlich: Irgendwann erkundigte sich eine Landtagsabgeordnete der CDU: Was ist eigentlich die Arbeiterwohlfahrt und wer ist diese Marie Juchacz? Das zeigt, dass die AWO erstens vielen unbekannt war und zweitens teilweise als Fremdkörper gesehen wurde. Das hat sich heute alles geändert, ich glaube schon, dass die AWO dank ihrer Arbeit anders in Erscheinung tritt – aber in ihren Anfangsjahren hatte es die AWO wirklich nicht leicht.

Später warst du aktiv im AWO Kreisverband Lausitz, unter anderem mit Wolfgang Gunkel. Was hat dich bewogen – neben deiner politischen Arbeit – bei der AWO noch tatkräftig ehrenamtlich mitzuwirken?
Zunächst hatte ich in der Anfangszeit als Abgeordneter noch die zeitlichen Spielräume und konnte mich sehr aktiv in die AWO Weißwasser einbringen. Dadurch, dass ich später Funktionen wie Stellvertreter und Fraktionsvorsitzender übernommen habe, musste ich sehen, wie ich mich zeitlich optimiere und bin auch Mitglied der AWO im Vorstand geblieben, aber nicht mehr in einer Führungsfunktion. Das hat sich erst jetzt wieder ein bisschen ergeben, als alte Freunde wie Eberhard Behr – der damals hier die SPD 1989 mitgegründet hat und lange Jahre in der AWO sehr aktiv gewesen ist – meinten, ob ich nicht die Nachfolge von Wolfgang Gunkel im Kreisvorstand der AWO Lausitz antreten wollte. Dafür habe ich mich dann auch entschieden.

Du bist ja dann doch länger als vier Jahre im Landtag geblieben und hast innerhalb der SPD wichtige Aufgaben übernommen, warst von 2004 bis 2009 unter anderem Vorsitzender sowie stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister. Hattest du auch in dieser Phase weiter Kontakte zur AWO?
Ich habe immer versucht, den Kontakt zu halten, auch in den Führungspositionen, da ich gerade auch dort für meine politische Arbeit wichtige Informationen aus der Praxis abholen wollte. Das ist auch heute noch wichtig, wenn man in einem Bundes- oder Landtag spricht: Dass man sich vorher von Praktiker*innen erklären lässt, wie die Lage wirklich ist, anstatt dass man sich darauf verlässt, dass ein Referent kluge Sätze aufschreibt, die vielleicht der Theorie entsprechen, aber nicht der Wirklichkeit. Aber was mir wichtig ist: Ich bin vielleicht durch diese Funktionen zum Generalisten geworden – ich musste mich über alle politischen Bereiche informieren. Und das habe ich im Kleinen gemacht mit der AWO vor Ort wie im Großen, wo wir geschaut haben: Was sind gerade sozialpolitische Veränderungen, was passiert im Bereich Pflege/Gesundheit? Das sind Dinge, die in den 90er-Jahren besonders an Fahrt aufgenommen haben.

Wo siehst du Verbindungen zwischen AWO und SPD?
In Zusammenhang mit der SPD ist natürlich immer die AWO zu sehen. Ich betone das sehr gern, nicht nur weil Marie Juchacz Reichstagsabgeordnete [der SPD, Anm. d. Red.] und AWO-Gründerin war, sondern weil ich glaube, dass soziales Engagement von Sozialdemokraten schon durch den Parteinamen gekennzeichnet ist und sich auch wiederfinden muss. Und selbst wenn ich nicht aus einem sozialen Beruf komme, war es doch für mich relativ klar, dass ich mich da einbringe – und wurde so 1990 Gründungsmitglied des AWO Ortsvereins Weißwasser.

Du kamst 2013 als Bundestagsabgeordneter nach Berlin. Auf Bundesebene wurde die Migration für dich das beherrschende Thema. Wie hast du da die AWO wahrgenommen, vor allem hier in deiner alten Heimat Sachsen?
Die AWO hat sich des Themas sehr engagiert angenommen. Und zwar nicht nur der Thematik selbst, sondern auch der Frage: Wie setzen wir diese schwierige Aufgabe um? Ich habe regelmäßig an den entsprechenden Beratungstreffen teilgenommen, wo ich informiert und auf die Probleme aufmerksam gemacht wurde. Und dann beginnt das, was normalerweise der richtige Ablauf in der Politik ist: Dass man aus der Praxis heraus zu den Leuten geht, die das Thema im Bundestag fachlich begleiten. An dieser Stelle auch noch einmal ein großes Dankeschön an die Kolleg*innen der AWO in den Beratungsstellen und im Landesverband für den kollegialen Austausch in all den Jahren. Die fachliche Begleitung hat meine Arbeit unterstützt und geholfen, die Finanzierung der bundesgeförderten Migrationsfachdienste abzusichern.

»Wir brauchen junge Leute, die engagiert für das Klima eintreten, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.«

Du gehst nun den Weg in den geordneten (Un-)Ruhestand, deine AWO-Funktionen wirst du weiter ausführen. Was glaubst du, was für uns als AWO in Sachsen die größten Herausforderungen sein werden, die wir zu bewältigen haben?
Die demografische Entwicklung führt dazu, dass der Kampf um junge, gute, qualifizierte Leute immer enger wird, gerade bei den Fachkräften in sozialen Berufen. Wir brauchen junge Leute, die engagiert für das Klima eintreten, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Die Frage ist: Wie frühzeitig können wir Menschen begeistern, einen Beruf im Gesundheitswesen, in der Pflege, in der Kita zu übernehmen? Es gibt da eine große Bandbreite, die abgedeckt werden muss und dafür braucht es Leute, die das physisch und psychisch bestreiten können. Wir müssen einfach schauen, dass wir a) genügend junge Leute finden und b) diese ausreichend qualifiziert werden, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Wir brauchen diese Menschen, die den Dienst am Menschen verrichten.

Lieber Thomas, wir danken dir für dieses Gespräch und deinen Einsatz bei der AWO hier in Sachsen seit vielen Jahren!

Das Gespräch führte Ilko Keßler, Fachbereichsleiter für Migration/Flucht/Inklusion bei der AWO Sachsen

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