Theaterprojekt „Bestimme selbst!“

Der Fachbereich Migration, Flucht und Inklusion und das Landesjugendwerk der AWO Sachsen unterstützen als Kooperationspartner das Projekt des CSD Dresden ‚Bestimme selbst!‘: ein soziokulturelles, kreativ-therapeutisches Programmangebot für Jugendliche zur Förderung der sexuellen Selbstbestimmung und Gesundheit.

Ein Bild, das an einer Wand hängt und auf dem

Der Fachbereich Migration, Flucht und Inklusion und der Landesjugendwerk der AWO Sachsen unterstützt als Kooperationspartner das Projekt ‚Bestimme selbst!‘: ein soziokulturelles, kreativ-therapeutisches Programmangebot für Jugendliche zur Förderung der sexuellen Selbstbestimmung und Gesundheit.

In den Programmbausteinen Einzelcoaching, Gruppenworkshop und in einem Film-/Theaterprojekt setzen sich geflüchtete und nicht geflüchtete Jugendliche mit dem Thema sexuelle Selbstbestimmung und Gesundheit auseinander. Sie nehmen dabei künstlerisch Bezug zur Ausstellung „Sprachlosigkeit- das laute Verstummen“ im Japanischen Palais in Dresden. So haben sie in den Ausstellungsräumen eine Performance entwickelt, die in Bezug zu ihren eigenen Erfahrungen steht.

Das Theaterprojekt wurde vom Filmemacher Till Vormstein (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) filmisch dokumentiert. Dazu hat es auch am 12. Juni 2021 in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Japanischen Palais via Livestream eine Premiere gegeben. Diese kann noch online besucht werden.

Die AWO Landesfachstelle für Interkulturelle Öffnung und Diversität hat den Regisseur und Programmleiter des Projekts, Hendrik Fritzsche, befragt. Er ist auch Theatertherapeut und teilte mit uns, was hinter dem Konzept der Theatertherapie steckt und warum das für „Bestimme selbst!“ so wichtig ist.

LFS IKÖD: Erzähl uns ein bisschen über das Projekt: Wie ist die Idee entstanden?

zwei Männer mit schwarzen T-Shirts

Hendrik Fritzsche (links) und Till Vormstein (Filmemacher, Dokumentarfilm „Bestimme selbst!“)

Hendrik Fritzsche: Eigentlich arbeite ich als Regisseur und konzipiere Dokumentar-, Spielfilme sowie Theaterinszenierungen. Nachdem mein Bruder 2012 eine Hirnblutung hatte, änderte sich der Fokus meiner Arbeit hin zu inklusiven und partizipativen Formaten. Die künstlerische Zusammenarbeit mit Menschen aus sensiblen Zielgruppen, wie zum Beispiel Jugendlichen mit Handicaps, verstärkte in mir den Impuls, mich beruflich weiterzuentwickeln. Als ich dann wie durch einen Zufall im Internet entdeckte, dass es THEATERTHERAPIE gibt, war ich baff. Ich hatte noch nie davon gehört und es war genau das, was ich gesucht hatte. Ich habe mich sofort an der Katholischen Hochschule in Berlin für das Zulassungsseminar angemeldet und mit der berufsbegleitenden 4-jährigen Ausbildung zum Theatertherapeuten begonnen.

Im November 2020 hat mich Camil El Khoury vom CSD Dresden gefragt, ob ich mir vorstellen kann, ein Theatertherapieprojekt für und mit Geflüchtete Menschen zu entwickeln. Entstanden ist ein soziokulturelles interkulturelles Programm zur Förderung der sexuellen Selbstbestimmung und Gesundheit für junge Menschen. An dieser Stelle möchte ich dem CSD Dresden e.V., allen voran dem Vorstand Ronald Zenker, danken, der uns bei der Umsetzung des Projektes unterstützte und alle Freiheiten ließ.

LFS IKÖD: Was steckt hinter dem Konzept der Theatertherapie? Warum habt ihr diese Methode für das Projekt ausgewählt?

Hendrik Fritzsche: Theatertherapie ist ein künstlerisches Therapieverfahren. In England, den USA, den Niederlanden und Israel hat sich der Begriff Dramatherapie etabliert. Das Wort Drama, leitet sich vom altgriechischen δρᾶμα ab und kann mit “Handlung“ übersetzt werden. Handlung heißt zunächst einmal, dass irgendetwas passiert, in Bewegung ist. Der Begriff der Handlung bringt auf den Punkt, was Theatertherapie ganz praktisch bedeutet. Klienten, die aufgrund einer Krankheit, Behinderung oder psychischen Blockade in ihrem Handlungsspielraum massiv eingeschränkt sind, sollen mit Mitteln des Theaterspiels wieder handlungsfähig werden. Es sollen emotionale, soziale oder psychologische Veränderungen bewirkt werden. Theater- oder fiktive Rollen sind dabei von zentraler Bedeutung. Einerseits verhandeln Dramen wie Hamlet, Antigone oder Elektra zentrale und komplexe menschliche Themen, in denen sich die Klienten mit ihren Problemlagen und Fragestellungen wiederfinden können, andererseits bieten die dramatischen Stücke, Rollen und Texte den Klienten eine Struktur, die ihnen im Erkunden der Konflikte Orientierung und Halt gibt. Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Traumata und Persönlichkeitsstörungen werden mit Theatertherapie behandelt.

Auf indirekte, kreative Weise können die Klienten in einem geschützten Rahmen schmerzhafte persönliche Erfahrungen erkunden, eigene Ressourcen entdecken und alternative Lösungswege spielerisch erproben. Die Klienten müssen über keinerlei schauspielerische Vorkenntnisse verfügen.

LFS IKÖD: Wer sind die Teilnehmer:innen und was haben sie mit dem Projekt erreicht?

Hendrik Fritzsche: Die Teilnehmer*innen sind geflüchtete und nicht geflüchtete junge Menschen, überwiegend im Alter von 20-25 Jahren. Über mehrere Monate haben sie sich selbst und als Gruppe intensiv mit dem Thema „Sexuelle Selbstbestimmung“ auseinandergesetzt. Viele von ihnen sind aus ihren Herkunftsländern geflohen, weil sie dort nie ein sexuell selbstbestimmtes Leben hätten führen können. Im Projekt ging es darum, ihnen einen sicheren Raum zur Selbstfindung anzubieten, für die Auseinandersetzung mit der Frage „Wer bin ich und wie möchte ich leben.“

Sie sind als Gruppe mit und aneinander gewachsen. Zum Schluss war das Gefäß der Gruppe so stark, dass jede/r das Vertrauen hatte, sich mit seiner individuellen Geschichte zu zeigen.

Die Integration der eigenen traumatischen Erfahrung wurde von den Teilnehmer*innen als heilsamer Prozess erlebt. Wir hatten es der Gruppe freigestellt, ob sie es dabei belassen möchte oder in einem weiteren Schritt, anhand einer Theaterperformance, in der Gesellschaft sichtbar werden will. Die Frage hätten wir uns sparen können. Sie wollten unbedingt! Zwei Wochen lang haben wir jeden Tag von 10-20 Uhr geprobt und ein gemeinsam eine Performance entwickelt. Alle Teilnehmer*innen haben eine riesengroße Spielfreude an den Tag gelegt. Besonders beeindruckt bin ich von ihren Mut, gesellschaftlichen Diskurs anzuregen, und ihrer Ernsthaftigkeit, mit der sie sich für eine vielfältige Gesellschaft einsetzen.

Was möchtet ihr mit dem Projekt erreichen bzw. welche Ziele habt ihr?

Hendrik Fritzsche: Uns war es wichtig, zunächst einmal die vorhandenen Ressourcen der Teilnehmer*innen zu aktivieren und ihre Bewältigungsstrategien im Umgang mit Krisen zu erweitern. Im Fokus stand dabei die Stärkung ihrer sozialen Kompetenzen, wie zum Beispiel Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit sowie Selbstwirksamkeit. Das diese Ziele erreicht wurden, zeigt uns die starke und für sich stehende Performance der Teilnehmer*innen.

Die Veranstaltung am 12.06. war zuerst am Altmarkt in Dresden geplant. Warum habt ihr zum Japanischen Palais gewechselt?

Hendrik Fritzsche: Zunächst einmal war es unsicher, ob es überhaupt rechtzeitig eine neue Corona-Schutz-Verordnung geben wird, die größere Veranstaltungen vor Zuschauern, wie die unsere, wieder erlauben würde. Das Risiko war uns zu groß. Unser Ziel war es, eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Wir wollten die Teilnehmer*innen und das Projekt sichtbar werden lassen. Um diese Ziele zu erreichen, mussten wir uns etwas Neues einfallen lassen. Es war dann tatsächlich eine überaus glückliche Fügung, als wir erfahren haben, dass im Japanischen Palais der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Ausstellung „Sprachlosigkeit- Das laute Verstummen.“ läuft. Das Thema passte perfekt für unsere Gruppe. Also haben wir angefragt, ob sich das Museum eine Kooperation vorstellen könnte, die Zusage kam noch am selben Tag. Am nächsten Tag haben wir bereits mit den Proben begonnen. Zwei Wochen lang setzten sich die Teilnehmer*innen mit der Ausstellung auseinander; sie entwickelten in den Ausstellungsräumen eine Performance, die in Bezug zu ihren eigenen Erfahrungen steht. Damit wurde die Ausstellung als Prozess zur Überwindung der Sprachlosigkeit erfahrbar.

Das Großartige an der Kooperation ist die Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit.

Die Liveaufzeichnung der Performance wird noch mindestens bis zum 01.08.21 im Rahmen der Ausstellung im Museum gezeigt. Zusätzlich gibt es Postkarten zu unserem Projekt, die sich die Museumsbesucher mit nach Hause nehmen können. Auf den Postkarten befindet sich ein QR-Code, über den der Film auch auf dem Smartphone angeschaut werden kann. Gleichzeitig entstanden großartige Portraits von den Teilnehmer*innen, die der Fotograf Joachim Baldauf unentgeltlich angefertigt hat, diese hängen ab sofort ebenfalls im Museum. An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich im Namen der Gruppe von „Bestimme selbst!“ bei dem Team des Japanischen Palais bedanken, dass uns so herzlich willkommen geheißen und die künstlerische und theatertherapeutische Intervention in die Ausstellung überhaupt erst ermöglicht hat.

     

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