Impfpflicht darf nicht isoliert auf die Berufsgruppe Pflegender eingeführt werden!

Die Diskussion um die Impflicht für Pflegefachkräfte ist in vollem Gange und suggeriert: Pflegefachkräfte sind Pandemietreiber! Das stimmt mitnichten. Die Durchimpfungsrate in Krankenhäusern und stationären Pflegeeinrichtungen ist hoch und auch wenn es ohne Frage noch Verbesserungspotenzial in Einrichtungen und Pflegediensten gibt, so stellt sich doch die Frage: Müssen wir nicht alle gesamtgesellschaftliche Verantwortung übernehmen und diese nicht auf eine Berufsgruppe abwälzen?

Drei Masken hängen am Garderobenständer

Auf der Bundepressekonferenz am vergangenen Donnerstag kündigte Frau Merkel an, dass „Pflegekräfte geimpft werden sollen“ und die Verantwortung dafür an die Bundesländer übertragen werden soll. Die Auswirkungen einer Impfpflicht für Pflegekräfte wären aus unserer Sicht verheerend. Der bereits heute (und schon vor Corona) bestehende Personalengpass in allen Bereichen der pflegerischen Versorgung bekäme den Todesstoß. Immer wieder wird auf die Rahmen- und Arbeitsbedingungen in der Pflege und die Katastrophe, auf die wir zurollen, hingewiesen.

Die Impfpflicht für Pflegekräfte suggeriert, dass ungeimpfte Pflegekräfte Pandemietreiber sind. Das sind sie ganz sicher nicht! Pflegekräfte im Krankenhaus haben eine sehr hohe Durchimpfungsrate, in stationären Pflegeeinrichtungen ist sie hoch. Ohne Frage gibt es Verbesserungspotenzial, insbesondere im ambulanten Bereich – hier muss durch Aufklärung, Beratung und Überzeugung nachgesteuert werden. Der Vorstoß der Bundesregierung ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Entscheidungen über die Stellungnahmen pflegefachlicher Berufsverbände und -vertreter*innen hinweg getroffen werden.

Die Diskussion um eine Impfpflicht muss breiter gefasst werden. Infektionen passieren allerorten wo Menschen aufeinandertreffen, insbesondere in geschlossenen Räumen: im Arbeitsumfeld, in Meetings, bei Freizeitaktivitäten, kulturellen Veranstaltungen oder bei Massenveranstaltungen. „Die Verantwortung einer verpflichtenden Impfung gegen das Corona-Virus nur an Pflegekräfte zu fokussieren, ist zu einseitig“, sagt dazu AWO Landesgeschäftsführer David Eckardt. „Sie verleitet möglicherweise auch dazu, die eigene Verantwortung für eine Impfung „abzudelegieren“ oder gar auszublenden. Eine Impfung in dieser Lage geht uns alle an, sie betrifft die gesamte Gesellschaft. Nur wenn eine möglichst hohe Durchimpfung der Bevölkerung insgesamt erreicht wird, können wir wieder die Kontrolle über die Pandemie erreichen.“ Der Weg, die Pflegekräfte noch weiter in die Pflicht zu nehmen, die Pflegeinrichtungen aber insgesamt im Pandemiegeschehen im Regen stehen zu lassen – ob nun die Testungen, Personalengpässe oder Koordination der Boosterimpfungen für die Bewohner*innen betreffend – ist aus unserer Sicht indiskutabel.

Sowohl der Deutsche als auch der Sächsische Pflegerat sprechen sich – als denkbaren Weg aus der pandemischen Lage heraus – für eine einrichtungsbezogene Impfpflicht aus. „Eine Einrichtung besteht aus Küchen- und Reinigungspersonal, Hausmeister, Dienstleistern und vielen Mitarbeitenden mehr. Wir müssen ganzheitlich denken und nicht nur die eine Berufsgruppe der Pflegekräfte in die Pflicht nehmen“, sagt dazu David Eckardt und ergänzt: „Darüber hinaus müssen wir uns intensiv mit einer allgemeinen Impflicht beschäftigen und diese gesamtgesellschaftlich diskutieren.“ Ziel muss sein, zwischen individuellen Freiheits- und Persönlichkeitsinteressen und notwendigen Schutzmaßnahmen von vulnerablen Zielgruppen hinsichtlich gesundheitlicher Gefährdungen angemessen abzuwägen. Davon unabhängig nutzen Pflegeeinrichtungen schon seit längerer Zeit, weitere Instrumente, die zum Schutz vulnerabler Gruppen wirksam zur Verfügung stehen: Testen, Abstand, Hygiene und Schutzausrüstung wie FFP2 Masken bei direkter Pflegeversorgung. Mit Corona können Pflegeeinrichtungen inzwischen sehr sicher umgehen!

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