Die Grenzen des Pflegesystems: Ein Aussitzen der Krise wird den Kollaps nicht verhindern

Unsere Kollegin Lissy Nitsche-Neumann, Referentin für Senioren/Pflege/ Innovation, macht sich Gedanken über unser Pflegesystem am Limit

2 Masken liegen als Rettungskreuz übereinander auf rotem Hintergrund

Die 4. Welle bricht aktuell dramatisch über uns ein und neben vielen (verzweifelten) Ansätzen, wie man diese Pandemie noch in den Griff bekommen kann, stellt sich eine Frage ganz besonders: Wie kann in akuten Notlagen und weiterhin wegbrechendem Pflegepersonal die medizinische und pflegerische Versorgung sichergestellt werden?

Fragen auf die wir in allen Ebenen (leider) keine Antwort erfahren und selber inzwischen nicht mehr haben (können). Die Lage ist ernst, das ist allen klar und wird auch täglich propagiert. Personal – vor allem Pflegepersonal – fehlt auf den Intensivstationen, die in Sachsen, Thüringen und Bayern schon heute ihre Belastungsgrenzen erreicht haben. In den anderen Bundesländern wird diese Grenze in den nächsten 7 -15 Tagen erwartet. Schon länger fehlt das Pflegepersonal in den Pflegeeinrichtungen außerhalb von Krankenhäusern und Kliniken, wo die meisten Menschen pflegerisch versorgt werden.

Die Pflegeeinrichtungen werden durch die Pflegekassen, die mit der Sicherstellung der Pflege gesetzlich beauftragt sind, (wieder einmal) im Stich gelassen. Sie werden an kommunale Ansprechpartner*innen wie z.B. die Pflegekoordinator*innen, Bürgermeister*innen oder Landrät*innen verwiesen. In der akuten Lage noch rumtelefonieren, wer die pflegerische Versorgung Pflegebedürftiger heute Abend, morgen Früh sicherstellen kann? Wenig hilfreich. Es fehlen die helfenden Hände vor Ort. Es gibt bisher keinen zentralen oder wenigstens regionalen Krisenstab für akute Versorgungsengpässe, prophylaktisch darf selbiger ohnehin nicht gemeldet werden. Wo zur gleichen Zeit im letzten Jahr Aufrufe in Freiwilligennetzwerken und Ehrenamtsinitiativen zur Unterstützung eingerichtet wurden und gut funktionierten, um zumindest eine grundlegende Versorgung sicherzustellen, wurden diese bis heute wenig bis kaum reaktiviert oder man beginnt damit jetzt erst. Der Medizinische Dienst und die Heimaufsichten prüfen weiterhin, statt direkt vor Ort in den Pflegeeinrichtungen zu unterstützen, Hausärzte impfen so viel irgend geht, Betten können nicht belegt werden.

Die pflegerische Versorgung war noch nie so gefährdet wie heute, mitten in der 4. Welle. Auf die Notlage und Versorgungsgefährdungen wurde in den vergangenen Wochen erneut – wie genau vor einem Jahr – in Fachkreisen und Krisenstäben hingewiesen. Zeitweilig muss wieder – wie ebenfalls bereits vor einem Jahr – auf eine absolut geringste Grundversorgung reduziert werden oder kann keine Versorgung mehr übernommen werden, weil Personal nicht vorhanden oder nicht einsatzfähig ist. Expert*innen warnen eindringlich vor einem Kollaps des Gesundheitssystems. Diese Situation steht in Sachsen unmittelbar bevor bzw. passiert bereits punktuell. Triage-Situationen in den Krankenhausaufnahmen werden konkret vorbereitet. Das wird Menschenleben kosten. Nicht nur aufgrund der Schwere der Erkrankungen, auch durch eben diesen Versorgungszusammenbruch. Die Situation ist fragwürdig bis gar menschenunwürdig für ein doch so reiches und medizinisch hochentwickeltes Land. Wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Und vor allem: Was haben wir eigentlich aus den vergangenen drei Wellen gelernt? Der Versuch einer Antwort lässt uns mehr oder weniger fassungslos zurück.

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