Demokratie, das ist, was wir täglich tun – Eine philosophische Betrachtungsweise

Von Christoph Richter, Einrichtungsleiter des AWO Hortes in Laußnitz

Hort Laußnitz vom Garten aus fotografiert

Eine gelebte demokratische Grundhaltung lässt sich nicht vom Arbeits- und Privatkontext trennen. Für mich ist sie existenzieller Bestandteil unserer westlichen Lebensform.

Sie setzt allerdings auch einen schwierigen Bestandteil voraus, nämlich: »Ich bin mit dir einverstanden, auch wenn ich nicht alle oder gar keine deiner Sichtweisen teile. Aber ich sehe dich als Mensch. Ich sehe dich als jemanden an, der unter bestimmten gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen aufgewachsen ist, aber ich reduziere dich nicht darauf.« Dabei ist es völlig irrelevant, ob es sich dabei um Erwachsene oder Kinder handelt. Im Übrigen scheint mir dies genau jene Bewegung zu sein, welche in anderen Kulturen mit »Mann ohne Rang« beschrieben wird. Auch in der Pädagogik sprechen wir bei »Fehlverhalten« von einer Trennung von Person und Verhalten. »Du bist vollkommen in Ordnung, dein Verhalten war gerade so und so«. Gerald Hüter hat dies mit seinen Ausführungen zum Begriff der Würde dargelegt. Sein Terminus umfasst die angeborene, bedingungslose Annahme der menschlichen Existenz (Würde), unterstreicht aber auch, dass es eine gesellschaftliche Ordnung braucht, um die menschlichen Fähigkeiten voll zur Geltung zu bringen. Aus philosophischer Perspektive wird die Grundhaltung demokratischer Lebensverhältnisse mit dem Begriff der »Ambiguitätstoleranz«, also die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen, skizziert. Unterschiedlichkeiten müssen nebeneinander existieren können. Dies wird unsere Haltung sein müssen, um auch in Zukunft für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sorgen. Aber wie macht man das genau?

Demokratie bewusst leben

All dies ist m. E. nur möglich, wenn wir Abstand gewinnen – und zwar jeder für sich. Abstand von unserem Profit-Denken, vom Nutzenkalkül und von der Ansicht, dass meine Welt die einzig richtige ist. Das bedeutet ausdrücklich nicht, sich von seiner Rationalität zu verabschieden. Wirtschaftsunternehmen sind natürlich auf Wirtschaftlichkeit eingestellt. Im Grunde stellen sie ja auch die Möglichkeitsbedingungen demokratischer Prozesse zur Verfügung. Es bedeutet aber der Gewichtigkeit eines Wertes, nämlich der Demokratie, eine höhere Priorität einzuräumen als dem Untergraben von Partizipation. Ich frage Sie, wann ist die Möglichkeit da, dies zu tun?

Jetzt. Und zwar genau hier und jetzt. Stellen Sie sich doch einmal die Frage im Alltag: Welchen Nutzen habe ich durch welches Handeln? Und gibt es eigentlich etwas in meinem Leben, das ich »einfach so« tue? Sie werden merken, wenn Sie etwas »einfach so« tun, ohne Ziel und Zweck, sind Sie ganz nah dran am Begriff der negativen Freiheit. Genau das ist es, was Kinder unter dem Begriff des Spielens verstehen. In der positiven Freiheit dagegen schränken Sie mit Ihrem Einverständnis Ihre Freiheit freiwillig ein, weil Sie verstehen, warum es zum Beispiel wichtig ist, jetzt eine Maske zu tragen, Abstand zu halten oder Kontakte zu reduzieren. Sie stellen sich zurück – für den anderen, um zu ihren Mitmenschen »ja« zu sagen. Immanuel Kant wusste das.

Denke ich an den Arbeitsplatz, so fällt mKinder stehen vorm Flipchart und entscheiden sich für eine Interessengruppe im Hortir sofort auf, wie Beziehungen zu einer Zweck-Mittel-Entsprechung werden. Benutze ich meinen Kollegen, weil ich das und das davon habe? Oder mache ich mir die Mühe und frage ihn: »Bist du damit einverstanden? Bist du nicht damit einverstanden, dann ist das auch OK. Egal wie es ausgeht, ich lasse dich in jedem Fall mitbestimmen und teilhaben.« Denn das hat den Vorteil: Fällt eine Entscheidung zu Ungunsten des Anderen aus, ist dies in der Regel in Ordnung. Das ist gelebte Demokratie.

Schließlich sind wir als Erwachsene für das Heranwachsen der Kinder und Jugendlichen verantwortlich – nicht nur institutionell. Wir sollten uns im Klaren darüber sein, was jeder von uns als Vorbild von Demokratieverständnis verkörpert.

Auch dazu sollte sich jeder von uns einige kritische Fragen stellen. Wie offen bin ich für die Lebensformen der Kinder und Jugendlichen? Bekommt ihre Lebenswelt genügend Platz in meinem Verständnis von Lebenswelt? Wie offen bin ich für die Themen der Kinder? Gibt es auch Themen, die ich, aufgrund meiner Sozialisation, nicht wahrnehme?

»Die wirkliche Grundüberzeugung einer demokratischen Haltung steht und fällt mit der Intensität der Auseinandersetzung mit sich selbst.«

Sich Zeit nehmen

Dies sind viele Fragen, welche durch sozialwissenschaftliche Begrifflichkeiten geprägt sind. Meine Erfahrung zeigt, dass Partizipation, Demokratie und Haltung in der Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft ein Thema ist. Allerdings steht und fällt die wirkliche Grundüberzeugung einer demokratischen Haltung mit der Intensität der Auseinandersetzung mit sich selbst. Wie offen bin ich zu mir selbst? Verzeihe ich mir Fehler? Wie würdevoll gehe ich mit mir selbst um? In der partizipatorischen Praxis ist es für Kinder oft befremdlich, wenn wir im Team »so lange für Entscheidungen brauchen«. Dann sage ich immer: »Ja, das braucht Zeit. Zeit zum Nachdenken. Zeit, sich in die Meinung des Anderen hineinzudenken und hinein zu fühlen. Zu schauen, wie ein guter Kompromiss gelingen könnte«. »Das ist ja anstrengend« – bekomme ich dann immer wieder von den Kindern zu hören. Ja das ist es. Allerdings stelle ich als Vorbild hier und jetzt den Wert der Demokratie höher als mein eigenes Interesse. Demokratie ist langsam. Aber die Frage nach »Wann« ist eine Frage von wenig Zeit. Bei Themen wie Sicherheit und Hygiene hat das natürlich seine Grenzen. Ein bisschen schneller gelingt uns dies im Hortalltag. Besonders, wenn es um den Freitag geht. An diesem Tag können die Kinder selbst bestimmen, welches Angebot sie wahrnehmen wollen. Das Wichtigste hierbei: Die Ideen kommen von den Kindern selbst. Sie werden im Laufe der Woche gesammelt und teilweise sogar von den Kindern selbst durchgeführt. Ein Schlusssatz sei mir gestattet.

Eine demokratische Grundhaltung verlangt von den Kleinen wie den Großen einiges ab. Um ein gemeinsames demokratisches Wachstum in Gang zu halten, benötigt es letztlich auch eine Zeit der Einkehr, der Ruhe und den Augenblick, in welchem keine Aushandlungsprozesse stattfinden. Einen Moment unbedingten Daseins. Eine Zeit der Stille – für uns alle.

Facts zur Einrichtung
Unser AWO Hort befindet sich in der Grundschule Laußnitz, zentral im Zentrum des Ortes Laußnitz gelegen. Wir haben eine Kapazität von 137 Hortplätzen.
Das gesamte 1. Obergeschoss der Grundschule ist der Hortbereich. Die Gruppenräume sind ausgestattet mit Bau- und Konstruktionsecken, anregenden Spiel- und Lernmöglichkeiten sowie     Entspannungsinseln.
Ausgestattet mit zwei »Ruheinseln«, einer Küche und einem sehr großzügigem Außengelände, werden die Kinder in einem halboffenen Konzept betreut.
Wir werden mit selbst gekochtem hausinternem Mittagessen versorgt.
Wir sind ein erfahrenes und altersgemischtes Team bestehend aus sieben qualifizierten pädagogischen Fachkräften und einer technischen Kraft.

Der Artikel stammt aus dem Regionalteil des AWO Regionalverband Radeberger Land e.V. der meeting Ausgabe 2_2021.

Fotos:  AWO Radeberg

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